Autoren
Johannes Callet

Johannes Callet, Lic. en Droit

Partner

Read More
Anja Fenge

Dr. Anja Fenge, LL.M.

Partner

Read More
Autoren
Johannes Callet

Johannes Callet, Lic. en Droit

Partner

Read More
Anja Fenge

Dr. Anja Fenge, LL.M.

Partner

Read More

10. Januar 2021

How dare you: Müssen Immobilien Nachhaltigkeitskriterien genügen? – 3 von 3 Insights

Die Immobilienbranche in der Pflicht: ESG-Faktoren und Taxonomie-VO

  • Briefing
Teil III

Mit der Taxonomie-Verordnung über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen (Verordnung (EU) 2020/852 vom 18. Juni 2020, „Taxonomie-VO“) hat die Europäische Union „ein neues gemeinsames Klassifizierungssystem mit einheitlichen Begrifflichkeiten, das Anleger überall verwenden können, wenn sie in Projekte und Wirtschaftstätigkeiten mit erheblichen positiven Klima- und Umweltauswirkungen investieren wollen“ eingeführt. Mit Wirkung ab dem 1. März 2021 tritt damit die konkrete Umsetzung der ökologischen, sozialen und die Unternehmensführung betreffenden Faktoren („ESG-Faktoren“) in Kraft. Die Agenda 2030, das Übereinkommen von Paris vom 4. November 2016 und der EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums vom 8. März 2018 wirken sich damit zunehmend stärker konkret auf die Finanz- und Immobilienbranche aus.

Unsere Real Estate ExpertInnen beleuchten die Auswirkungen auf die Immobilienwirtschaft und geben erste Antworten. In diesem dritten von drei Teilen geht es unter anderem um folgende Fragen: Berücksichtigt die Taxonomie-VO alle ESG-Faktoren? Wie sieht die weitere Entwickung aus? Wo liegen mögliche Chancen für die Immobilienwirtschaft?
Berücksichtigt die Taxonomie-Verordnung alle ESG-Faktoren?
Die Taxonomie-VO legt den Fokus auf Umweltaspekte, also auf das sogenannte Kriterium „E“ (Environment). Noch in der Entwicklung befindlich sind entsprechende Definitionen und Kriterien für die sozialen („S“) und unternehmensbezogenen („G“) Zielsetzungen. Soziale und unternehmensbezogenen Aspekte sind von der EU nicht als unabhängige Kriterien berücksichtigt werden. Im Gegensatz dazu hatte beispielsweise die Europäische Investitionsbank bereits eigene Umweltstandards beschlossen und richtet ihre Kriterien für die Förderfähigkeit von Anleihen nach den 17 Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung.

Die direkten Adressaten der Taxonomie-VO benötigen verlässliche Daten, um den verschärften Offenlegungsvorschriften nachzukommen und die ESG Faktoren zu belegen. Stand heute wird jedoch der vermutlich weit überwiegende Teil der Informationen nicht erfasst. Lediglich die Unternehmen, die unter den Anwendungsbereich von §§ 289b, 289c HGB fallen, werden ausreichende Informationen veröffentlichen. Im Hinblick auf andere Unternehmen werden Finanzmarktteilnehmer auf ihre eigenen Daten oder auf Daten Dritten zurückgreifen müssen.
Ist die Taxonomie-Verordnung der Schlusspunkt in Sachen ESG-Faktoren?
Das Gegenteil ist der Fall. Zum einen ist es klare Zielsetzung der EU, Vorgaben und Richtlinien zum nachhaltigen, finanziellen und ökonomischen Wachstum weiter zu beeinflussen, wie sie sich zum Umweltschutz nicht zuletzt aus den Pariser Übereinkommen ergeben. Zum anderen kann es schon heute kaum überzeugen, wenn ein Fonds als „nachhaltig“ beworben wird, zugleich jedoch weder auf soziale, noch auf unternehmensbezogene Aspekte Rücksicht nimmt. Es erscheint jedenfalls wenig nachhaltig, sollte das grün errichtete, zertifizierte und mittels „Green Lease“ grün vermietete Gebäude in einem als „nachhaltig“ beworbenen Fonds an Mieter vermietet werden, die selbst nicht ESG-compliant sind (etwa, weil sie Schwarzarbeit fördern, Steuern oder Sozialabgaben hinterziehen oder gesundheitsschädigende Produkte vertreiben).
Was ist konkret zu erwarten für die Zukunft der Immobilienbranche?

Die Immobilienbranche wird zunächst wohl immer höheren Dokumentationspflichten unterworfen werden. Unternehmensbezogene Daten über die Aktivität und die Compliance von Unternehmen werden nicht nur bei der Aufnahme vom Mitteln aus dem Kapitalmarkt, sondern auch bei der Vermietung und dem Verkauf eine wachsende Rolle spielen. Diesbezüglich wird es auch immer wichtiger werden, die eigenen Rechte und Pflichten aus Vertraulichkeitsvereinbarungen und gesetzlichen Datenschutzregelungen zu beachten, so dass das Vorhalten und Teilen der Daten im jeweiligen Vermietungs- oder Vermarktungsprozess möglich bleibt.

Wir erwarten zudem neue Sanktionen im Fall von Verstößen gegen ESG-Kriterien. Bereits heute schafft die Taxonomie-VO in Artikel 22 die Grundlage für Vorschriften zur Sanktionierung von Verstößen gegen die in der Taxonomie-Verordnung festgelegten Ziele. Die Maßnahmen und Sanktionen müssen dabei wirksam, verhältnismäßig und abschreckend sein. Die Umsetzung obliegt hier den EU-Mitgliedsstaaten.

Aufgrund der Schwierigkeiten beim Einsammeln und Teilen von Daten zu den ESG-Kriterien finden erste Unternehmen neue Geschäftsfelder darin, Informationen über Unternehmen und ihre Wirtschaftstätigkeit zu sammeln. Dies erfolgt mit dem Ziel, ähnlich einer Bonitätsauskunft eine „ESG-Auskunft“ zu erteilen. Anbieter von nachhaltigen Finanzprodukten sollten sich ebenso hierauf einstellen wie die weiteren Akteure der Immobilienbranche

Wo liegen die Chancen für die Immobilienwirtschaft im Umgang mit ESG-Faktoren? 
Die ESG-Kriterien werden neue wirtschaftliche Betätigungsfelder schaffen und wirtschaftliches Wachstum in anderen Feldern befördern. Wie oben geschildert haben Marktteilnehmer, die bereits heute als (mittelbare) Adressaten die ESG-Kriterien verinnerlichen und umsetzen, zukünftig erhebliche Vorteile bei der Gestaltung und Positionierung ihrer Angebote. So wie sich Anbieter und Vermittler der Finanzbranche schon aus Wettbewerbsgründen auf die ESG-Faktoren stützen, um sich erfolgreich im Wettbewerb um Kunden und Anleger zu platzieren, können auch andere in der Immobilienbranche hiervon profitieren.
Mit wem kann ich sprechen, wenn ich weitere Fragen zu ESG-Kriterien in der Immobilienwirtschaft habe? 

Ob Ihr Projekt, Ihr Leistungsangebot oder Ihre Immobilie ESG-compliant ist, bemisst sich neben der Taxonomie-VO an den im Entwurf befindlichen delegierten Rechtsakten. Zu den einzelnen Kriterien gibt es schon jetzt eine Fülle von weiterführenden Richtlinien, Gutachten und Stellungnahmen. Daher kann dieser Beitrag eine rechtliche Beurteilung Ihrer Prozesse und Kriterien in Bezug auf Ihre konkrete Immobilie nicht ersetzen und stellt lediglich einen ersten unverbindlichen Überblick dar.

Bitte wenden Sie sich daher mit Fragen gern an unsere ExpertInnen. 


Call To Action Arrow Image

Newsletter-Anmeldung

Wählen Sie aus unserem Angebot Ihre Interessen aus!

Jetzt abonnieren
Jetzt abonnieren