18. November 2020
Mehr Druck: Anhebung des Sanktionsrahmens befördert Compliance zum Top-Thema in den Chefetagen
Die Bundesregierung schwingt mit dem Entwurf eines Verbandssanktionengesetz eine schwergewichtige Keule: Mit der im Gesetz festgelegten Höchststrafe von bis zu zehn Prozent des weltweiten Konzernumsatzes bewegt sich das maximale Strafmaß in Größenordnungen, wie sie zuvor nur aus den USA bekannt waren – Dimensionen, die manches Unternehmen in seiner Existenz bedrohen dürfte. Was die Bußgeldandrohungen der Datenschutzgrundverordnung bereits angeschoben haben, wird das Verbandssanktionengesetz – trotz rechtspolitisch kontroverser Diskussion – vermutlich auch für andere Rechtsgebiete vollenden: das Thema Compliance beständig weit oben auf den Agenden der Manager platzieren. Das liegt nicht zuletzt an der Ausgestaltung durch den Gesetzgeber: Das Strafmaß bemisst sich ausdrücklich danach, ob und was die Unternehmensleitung nachweislich im Vorfeld zur Vermeidung einer Straftat als auch nach ihrer Aufdeckung unternommen hat. Das Augenmerk liegt mithin zukünftig verstärkt auf der Qualität vorbeugender Compliance-Maßnahmen.
„Bereits jetzt ist eine steigende Nachfrage nach professioneller Unterstützung bei der Implementierung und Optimierung von Compliance-Management-Systemen zu erkennen,“ so Martin Knaup, ausgebildeter Compliance Officer. Er ist zugleich Rechtsanwalt und leitet zusammen mit Jan-Patrick Vogel, ebenfalls Rechtsanwalt mit Fokus auf Compliance-Themen, bei der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing die neu gegründete Industry Group Compliance. Dabei handelt es sich um einen standort- und rechtsgebietsübergreifenden Pool an Experten, der neben juristischer Kompetenz auch organisatorisches Know-how und Prozessfestigkeit bündelt. Die internationale Sozietät reagiert damit auf den steigenden Beratungsbedarf von Unternehmen zu Compliance-Systemen, die Rechtskonformität durch Organisation und Prozesse gewährleisten. „Die Nachfrage vieler Mandanten ist gekennzeichnet durch den Wunsch, sich rechtstreu zu verhalten und deshalb ihr Compliance-Management-System qualitativ aufzurüsten. Erfreulich viele Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Das war vor wenigen Jahren noch völlig anders“, so Knaup.
360-Grad-Beratung: Compliance ist nachhaltig, wenn sie auf Unternehmenskultur aufsetzt
Mit auf dem Papier bestehenden Compliance-Richtlinien in vielen Bereichen des Unternehmens fühlten sich viele Manager bislang in Sicherheit. Allerdings setzen die staatlichen Ermittlungsbehörden schon lange nicht mehr nur das Vorhandensein von verhaltenssteuernden Richtlinien voraus, sondern deren tatsächliche Umsetzung und Einhaltung im Unternehmen. Mit der drastischen Strafverschärfung bekommt das Worst-Case-Szenario eine existenzbedrohende Facette hinzu, zugleich steigt mit der zunehmenden Regulierung durch den Gesetzgeber das Risiko eines Verstoßes gegen Compliance-Regeln. Dabei droht nicht allein immenser finanzieller Schaden, sondern auch Imageverluste. Denn mit den stetig steigenden Erwartungen an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen nimmt unweigerlich die moralische Fallhöhe zu, sodass ein öffentlich gewordener Fehltritt oft auf Jahre dunkle Flecken auf der weißen Unternehmensweste hinterlässt.
„Die Gefahren für Unternehmen werden immer realer, der Bedarf an präventiven Maßnahmen nimmt im gleichen Maße zu. Ein funktionierendes Compliance-Management-System senkt nicht nur das Risiko eines Regelverstoßes signifikant, sondern auch dessen Sanktionierung. Es trägt das entscheidende Merkmal bereits im Namen: Es verfolgt einen ‚systemischen‘ Ansatz, der nicht nur das Verständnis für regelkonformes Verhalten innerhalb der Unternehmenskultur verankert, sondern darüber hinaus die tatsächliche Umsetzung und Befolgung von Compliance-Systemen entsprechend revisionssicher gewährleistet“, erläutert Jan-Patrick Vogel. „Alles andere ist eine nur eine auf dem Papier bestehende Compliance-Organisation, die als Steuerungsinstrument für eine betriebliche Organisation völlig unzureichend ist und im schlimmsten Fall sogar als reines ‚Feigenblatt‘ haftungsverschärfend für die Unternehmensleitung wirkt.“
Dieser Ansatz setzt voraus, dass die operativen Prozesse und betrieblichen Abläufe, insbesondere in den Schnittstellen, vor dem Hintergrund der Unternehmenskultur ausgeleuchtet und bei der Implementierung präventiver Compliance-Maßnahmen berücksichtigt werden. Ziel ist es, an die jeweilige Unternehmenskultur anzuknüpfen und das Verständnis für die Compliance-Thematik mit den bereits implementierten Regeln, Werten und Handlungsprinzipien zu verschränken.
„Eine von einem systemischen Ansatz getragene Compliance-Organisation ist dann nachhaltig effizient, wenn konkrete Kontroll- und Freigabemechanismen sowie Prozesse implementiert werden, anhand derer die Einhaltung relevanter Compliance-Vorgaben revisionssicher geprüft werden kann. Ein derart passgenaues, praxistaugliches Compliance-Management-System können Juristen regelmäßig nicht allein konzipieren, daher greift unsere Industry Group Compliance im Rahmen einer 360-Grad-Beratung auf ein Netzwerk verschiedener interdisziplinärer Berufsgruppen zurück, um zusammen mit Fachkräften der jeweiligen Abteilungen die beste Lösung zu finden,“ ergänzt Knaup.
Frische Köpfe, frisches Denken
Nicht zufällig überantwortet Taylor Wessing die Leitung der neuen Sektion zwei vergleichsweisen jungen Rechtsberatern: Von den beiden Salary Partnern verspricht sich die Kanzlei den notwendigen Freigeist, der erforderlich ist, um das anspruchsvolle Querschnittsthema „Compliance“ abseits eingeschliffener Beratungsschablonen in seiner ganzen Bandbreite erfassen zu können. Insbesondere der systemische Ansatz erfordert den Horizont weiter zu stecken. Nach Ansicht von Knaup und Vogel kann erst dann von einer Compliance-Kultur die Rede sein, wenn sämtliche Aspekte von Corporate Governance und Corporate Social Responsibility das Gesamtverständnis prägen und dieses als Teil der Unternehmenskultur über alle Ebenen mitgetragen wird. Mit einer solchen Zielsetzung ist regelkonformes Verhalten nur Zwischenetappe auf dem Weg hin zu Compliance-Kultur als Asset: Integrität als wirkstarker „Enabler“ für Neugeschäft. Dieses Ziel ist weit und ausschließlich über systematisches Vorgehen zu erreichen, das bereichs- und disziplinübergreifendes Denken und Handeln voraussetzt. Darin sind sich die beiden ambitionierten Leiter einig und mit einer mehrere Dutzend Experten umfassenden Industry Group Compliance im Rücken hervorragend aufgestellt.
von mehreren Autoren